Schleichwerbeverdacht beim Handelsblatt

Mit einem unseriösen Angebot rückt sich das Handelsblatt in schlechtes Licht. Das Branchenblatt Werben & Verkaufen berichtet, dass ein Anzeigenvertreter einem Kunden ein Angebot für das Leserporträt auf Seite 3 unterbreitet. Kostenpunkt: 5.000 Euro. Das Format funktioniere „hervorragend, da es sich redaktionell absolut harmonisch in das Handelsblatt integriert und somit als als Beitrag der Redaktion wahrgenommen wird“, zitiert W&V aus dem Schreiben.

Die Verlagsgruppe Handelsblatt (vhb) hat den Vorfall bestätigt und ihn als „Fehler eines Außendienstmitarbeiters“ bezeichnet, der neu im Verlag sei. Man habe die umstrittene Angebotspraxis inzwischen unterbunden. Der vhb-Tochter Meedia zufolge hat Vertriebsleiter Thomas Gruber mittlerweile die Veranwortung übernommen. Das Angebot sei aber nur in zwei Fällen versehentlich gemacht worden. Dem Verlag zufolge zahlen die Porträtierten 5.000 Euro, wenn sie nachträglich die Nutzungsrechte an dem Text erwerben wollten. Ein solcher Rechteverkauf sei „in allen Verlagen etabliert“ und schütze „das geistige Eigentum der Journalisten“. Beobachter halten die Höhe der Summe allerdings für deutlich überhöht.

Keine schöne Situation für den neuen Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs und seinen Vorgänger Gabor Steingart, der jüngst zum Herausgeber aufstieg. Vor allem letzterer wird von einigen ins Spiel gebracht, wenn es um die Frage geht, wie es mit dem vormals renommierten Handelsblatt so weit kommen konnte. So moniert der Branchendienst turi2 Steingarts Idee, „Kommunikationspakete“ an Unternehmer zu verkaufen. Das habe „offensichtlich zur Gelegenheits-Prostitution geführt. Oder ist es angesichts fallender Verlagsumsätze schon Armuts-Prostitution?“

Aufmerksam geworden ist W&V durch einen Blogeintrag bei lead-digital.de zum Thema „Native Advertising“. In Zeiten, wo Internetuser die Werbung im Netz gerne durch Adblocker ausblenden lassen, gewinnen Werbeformen wie Native Advertising, Sponsored Post und Advertorials an Gewicht.


12 Antworten zu “Schleichwerbeverdacht beim Handelsblatt”

  1. porträtofferte sagt:

    aha so verhält sich das also mit den verkauften redaktionellen Inhalten des Handelsblatts, nur doof, wenn so etwas auffliegt, gelle, dann muss immer schnell ein Schuldiger gefunden werden und der renommierte Verlag gerät in erhebliche Erklärungsnöte, dabei sollten doch eigentlich dem dem Verschwinden der FTD goldene Zeiten für das HB anbrechen, und nun sowas
    http://www.turi2.de/2014/03/28/heute2-handelsblatt-verteidigt-verkaufte-artikel-18076250/

  2. Raabe sagt:

    Interessanter Artikel, traurig aber wahr.

  3. bestandsredakteur sagt:

    das ist jetzt mal ein Fall, der bekannt geworden ist, vielleicht gibt es ja noch ganz viele ähnlich gelagerte Fälle, die in der Grauzone des publizistischen Lebens einfach so durchgerutscht sind…

  4. freitag sagt:

    die Wochenzeitung freitag hat sich jetzt auch mit den käulichen Leserporträts auf der Seite 3 im Handelsblatt beschäftigt
    http://www.freitag.de/autoren/michael-angele/qualitaet-zu-verkaufen?fb_action_ids=690819057644059&fb_action_types=og.likes

  5. es schleicht im echo sagt:

    einem ominösen Interview mit einem Dr.Dr. Fake-Arzt zu einer Anti-Aging-Creme im Echo der Frau, die zur Essener Funke Mediengruppe gehört, ist der FAZ-Kollege Jörg Thomann unaufdringlich aber beharrlich nachgegangen. Funke Unternehmenssprecher Gunther Fessen soll mal wieder die Kohlen aus dem Feuer holen und versucht vergeblich den Verdacht der Schleichwerbung auszuräumen
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/antiaging-experte-das-phantom-im-weissen-kittel-13084829.html

  6. Nicht valide! sagt:

    Das sucht sich jemand wieder Aufträge, nicht valide ohne Quellen etc. Es wird einfach etwas zum Trend erklärt.

  7. verschachert sagt:

    der Tagesspiegel verkauft auf seiner Konferenz „Agenda 2015″ Redezeit an Lobbyisten, die gerne zugreifen, Petra Sorge berichtet in Cicero
    http://www.cicero.de/kapital/tagesspiegel-konferenz-agenda-2015-der-lobbyist-kauft-sich-ein/58609